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Iceman: Wie die Flugzeuge vor dem Start enteist werden
#1

Es ist ein faszinierendes Schauspiel der Technik, wenn die gelb blinkenden Enteisungsfahrzeuge mit ihren teleskopartigen Rüsseln im Schneesturm langsam an die Flugzeuge rollen. Bis zu einer Höhe von 23 Metern können die Sprüharme ausgefahren werden. Damit kann selbst das größte Passagierflugzeug der Welt, der Airbus A380, von Schnee und Eis befreit werden. Nur dauert es etwas länger. Die Enteiser steuern die Enteisungssprühköpfe dabei in offenen Hubkörben oder geschlossenen Kabinen. 51 Enteisungsfahrzeuge werden in diesem Winter auf dem Frankfurter Flughafen im Einsatz sein. Das sind acht mehr als im Vorjahr. Das größte ist der Elephant Beta 15 des dänischen Herstellers Vestergaard. Das dreiachsige Fahrzeug wiegt 32 Tonnen, hat einen Wassertank mit 4 000 Litern Fassungsvermögen und zwei kleinere Tanks mit jeweils 2 000 Litern Enteisungsflüssigkeit. In der Zeit vom 15. Oktober bis 15. April sind die Fahrzeuge einsatzbereit. Fällt die Temperatur in den Frostbereich, müssen die Enteisungstrucks startklar sein. Denn: Mit Eis oder Schnee auf den Tragflächen darf kein Flugzeug starten. Die winterlichen Niederschläge können die Aerodynamik stören. Deswegen muss zum Beispiel schon bei Reifansatz das Flugzeug enteist werden. Dazu werden die Tragflächen, das Leitwerk, die Steuerflächen und auch der obere Teil des Rumpfes mit einem heißen Gemisch aus Wasser und Glykol eingesprüht.

Der Kapitän entscheidet über das Mischungsverhältnis der Enteisungsflüssigkeit. Über Funk gibt der Pilot seinen Wunsch an den „Iceman“ weiter. Am Flughafen Frankfurt übernimmt die Firma „N*ICE“, eine Beteiligungsgesellschaft der Fraport, die Enteisung der Flugzeuge.
Zunächst werden die Flächen enteist (De-Icing). Anschließend wird das Flugzeug vorbeugend mit Anti-Vereisungsmittel eingesprüht (Anti-Icing). Damit wird verhindert, dass bis zum Start erneut Schnee auf den Flächen 
liegen bleibt. Im Moment des Starts muss das Flugzeug „aerodynamisch sauber" sein“.

Abhängig von Temperatur und Niederschlagsart werden die verschiedenen De- und Anti-Icing-Mittel gewählt.
Anhand einer Tabelle können die Piloten im Cockpit den Zeitraum vom Enteisungsbeginn bis zum spätesten Startzeitpunkt ermitteln. „Holdover-Time“ heißt dieses Zeitfenster in der Luftfahrtsprache. In dieser Zeit ist das Flugzeug vor dem Neuansatz von Schnee oder Eis geschützt und die Enteisungsflüssigkeit fließt unmittelbar vor dem Start von den Tragflächen ab, sodass die Luft sauber am Flugzeug entlangströmen und es zum Fliegen bringen kann. Auch ohne Niederschlag ist eine Eisbildung auf den Tragflächen möglich und zwar dann, wenn sich etwa beim Flugzeug während des vorherigen Anflugs Feuchtigkeit auf den Oberflächen festgesetzt hat.

Für ein Großraumflugzeug vom Typ Boeing 747-400 benötigt man im Durchschnitt 1500 Liter Enteisungsflüssigkeit. Für eine kleinere Maschine, etwa vom Typ Airbus A320, reicht ein Drittel der Menge. Das Mittel ist biologisch nahezu vollständig abbaubar. An einigen Flughäfen wird es sogar in Becken aufgefangen, aufbereitet und wieder verwendet. Im Schnitt dauert der Enteisungsvorgang nicht länger als 15 Minuten. Enteist werden kann sowohl direkt am Gate als auch auf eigens eingerichteten Enteisungsplätzen. Diese werden bevorzugt, weil der gesamte Vorgang reibungsloser abläuft. Der Enteisungsprozess beeinflusst natürlich den Ablauf nicht nur eines Fluges, sondern in Folge den gesamten Flugplan. Deshalb werden kontinuierlich alle Zeitdaten des Enteisungsvorgangs in das elektronische Flughafen-Steuerungssystem ACDM (Airport Collaborative Decision Making) übertragen. „Aber auch bei einer fein abgestimmten Planung stellt uns die Realität ständig vor neue Hausforderungen“, sagt Wolfhard Gräf, Geschäftsführer der Firma N*ICE. Er fügt hinzu: „Oft braucht die Enteisungsmannschaft länger, als in dem vorausberechneten Zeitfenster ursprünglich geplant war, denn die jeweilige Schwere der Kontaminierung des Flugzeuge zeigt immer sich erst vor Ort.“

Über 500 Flugzeuge werden an einem Spitzentag von den rund 340 Enteisern unter die Spritze genommen. In einem Jahr kommt es auf dem Frankfurter Flughafen zu bis zu 16 000 Enteisungseinsätzen. 1,1 Millionen Liter Enteisungsflüssigkeit sind in den Tanks am Airport gelagert. Dieser Vorrat würde für fünf sogenannte Schwerstlasttage reichen. Dazu gibt es noch eine Reserve von 600 0000 Litern, die in Lkw-Tankauflegern in der Nähe von Worms deponiert sind und innerhalb von 90 Minuten zum Flughafen transportiert werden können.
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